Strom in Deutschland: Auf dem richtigen Weg in eine nachhaltige Zukunft

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Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Fortschritte bei der Energiewende gemacht. Doch wie steht es aktuell um die Stromversorgung, und wie kann der Weg in eine klimaneutrale Zukunft gelingen?

Ich fokussiere mich in diesem Artikel auf die Stromversorgung in Deutschland. Strom ist nur ein Teil der Energieversorgung. Die anderen Teile sind nicht-elektrifizierte Wärme (Heizöl und Gas) sowie Verkehr (Benzin und Diesel).

Stromverbrauch: Weniger, aber bald wieder mehr

Der Bruttostromverbrauch in Deutschland ist seit seinem Höchststand 2007 kontinuierlich gesunken. 2024 lag er bei rund 512 TWh (Quelle), was etwa 82 % des Verbrauchs von 2007 entspricht. Allerdings wird der Strombedarf durch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme in den kommenden Jahren wieder steigen.

Bruttostromverbrauch in Deutschland von 1990 bis 2023
Bruttostromverbrauch in Deutschland von 1990 bis 2023 (Quelle)

Schon heute zeigt sich die Bedeutung der Effizienz: Der Nettostromverbrauch lag 2023 bei 467 TWh (Quelle) – etwa 11 % des erzeugten Stroms gehen durch Netzverluste verloren. Diese Differenz unterstreicht die Notwendigkeit, unser Stromnetz zu optimieren und den Verbrauch gezielt zu steuern.

Erzeugung: Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch

Strommix 2024
Strommix 2024: Man sieht, dass Windkraft+Kohle+Erdgas+PV fast alles decken. Biomasse und Wasserkraft spielen noch eine gewisse Rolle. Komplett unwichtig sind Öl, Müll und Geothermie (Datenquelle)

Im zeitlichen Verlauf sieht man:

  • Atomkraft wird immer unwichtiger, weil das Kabinett Merkel II (CDU/CSU und FDP) 2011 den beschleunigten Atomausstieg beschlossen hat.
  • Die erneuerbaren Energien steigen stark an, die fossilen Energieträger sinken.
  • Wasserkraft und Biomasse (Hackschnitzel, Biogas) sind relativ konstant auf niedrigem Niveau. Geothermie spielt keine Rolle.

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat eine Live-Visualisierung der Stromerzeugung in Deutschland:

Säulendiagramm der öffentlichen Nettostromerzeugung in Deutschland nach Energieträgern von 2002 bis 2024 (Energy-Charts, Stand 10.01.2025)
Datenquelle

Abhängigkeiten minimieren

Die Abhängigkeit von Energieimporten bleibt eine Herausforderung. Besonders bei Kohle und Erdgas sind wir weiterhin auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Der Umstieg auf erneuerbare Energien reduziert diese Abhängigkeit drastisch. Jede neue Solaranlage und jedes neue Windrad bedeutet ein Stück mehr Unabhängigkeit – ökonomisch wie geopolitisch.

Infografik: Woher bezieht Deutschland sein Gas?
Woher bezieht Deutschland sein Gas? Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Strompreise: Stabilisierung nach der Krise

Die Strompreise für Haushalte und Industrie haben sich nach dem Höhepunkt der globalen Energiekrise 2022/2023 wieder normalisiert. Deutschland hat bewiesen, dass es resilient ist. Mit gezielten Investitionen in die Energiewende können langfristig die Kosten weiter gesenkt werden – durch den Wegfall fossiler Brennstoffimporte und effizientere Technologien.

Das kann man in den Daten sehen, allerdings muss man einiges an Kontext beachten. Es gibt leider nicht "den" Verbraucherstrompreis. Wie viel man pro Kilowattstunde bezahlt, ist abhängig vom Wohnort, dem Anbieter und dem Jahresverbrauch, da die Grundgebühr eingerechnet werden muss.

Die Grundversorger sind meist deutlich teurer als die günstigsten Anbieter. Dennoch wechseln viele Menschen nicht den Anbieter. Ich kann nicht nachvollziehen, warum.

Laut Verivox haben Neukunden folgenden Preis pro Kilowattstunde im Durchschnitt zu den folgenden Stichtagen bezahlt:

  • 31.12.2021: 47,5 ct/kWh
  • 01.02.2022: 41,4 ct/kWh
  • 03.03.2022: 38,2 ct/kWh
  • 16.03.2022 - 27.06.2022: von 49,0 ct/kWh auf 36,1 ct/kWh
  • 29.06.2022 - 29.09.2022: von 36,1 ct/kWh auf 70,1 ct/kWh
  • 30.09.2022 - 19.05.2023: von 70,1 ct/kWh auf 23,1 ct/kWh
  • 20.05.2023 - heute: 23,1 ct/kWh - 30,0 ct/kWh

Also im Großen und Ganzen kann man sagen, dass der Ukraine-Krieg die Strompreise in die Höhe getrieben hat, aber dass die Strompreise inzwischen wieder auf dem Niveau von 2021 sind. Die Krise wurde also überwunden.

Die aktuelle Zusammensetzung des Strompreises sieht wie folgt aus:

Mythen

Deutschland hat zu wenig Strom und muss ihn importieren

Wir importieren Strom, wenn es günstiger ist, als ihn selbst zu erzeugen. So funktioniert Marktwirtschaft. Wenn man sich über Abhängigkeiten Sorgen macht, dann sollte man möglichst schnell auf erneuerbare Energien umsteigen. Bei fossilen Energieträgern sowie Kernkraft werden wir immer auf Importe angewiesen sein.

Wir haben 2022 Strom nach Frankreich exportiert.

2024 haben wir im ersten Halbjahr gleichzeitig aus Frankreich / Norwegen / Dänemark Strom importiert und nach Polen / Luxemburg / Tschechien exportiert (siehe Stromaustauschsaldo).

Das Stromnetz ist nicht stabil

"2023 mussten Haushalte in Deutschland im Durchschnitt knapp 13 Minuten ohne Strom auskommen. Das ist etwa so viel wie im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Auch im Vergleich mit den Nachbarländern gehört das deutsche Stromnetz damit der Bundesnetzagentur zufolge zu den zuverlässigsten."

Siehe auch:

Mit Atomkraft wäre Strom günstiger

Atomkraftwerke haben enorme Baukosten sowie sehr hohe Kosten für die Entsorgung des radioaktiven Mülls. Wenn man diese Kosten ignoriert, sieht der Atom-Strom günstig aus. Wenn man Infrastruktur für die Herstellung von Atomwaffen benötigt, kann man so natürlich auch die Kosten für die zivile Nutzung senken.

Die großen AKWs in Deutschland haben in ihrer Lebensdauer von etwa 35 Jahren etwa 350 TWh Strom erzeugt. Schaut man sich in Europa mal neue AKWs an, kann man mal ausrechnen, wie hoch der Strompreis nur wegen der Baukosten sein müsste (ohne Betrieb, ohne Wartung, ohne Entsorgungskosten, ohne Personal, ohne Brennstoffkosten, ohne Rückbaukosten, ohne Steuern, ohne Netzabgaben, ohne Gewinnmarge):

Um innerhalb von Deutschland einen guten Vergleich der Stromquellen zu bekommen, muss man sich die Stromgestehungskosten ansehen:

Stromgestehungskosten in Deutschland, 2024
Stromgestehungskosten in Deutschland, 2024 (Bildquelle, Datenquelle)

Man sieht hier deutlich, dass selbst bei einer optimistischen Annahme bei Kernkraft die Stromgestehungskosten bei 14ct/kWh liegen, die Erneuerbaren aber bei pessimistischer Annahme unter 10 ct/kWh liegen.

Wasserkraft ist laut BMWK bei Anlagen von 1 MW oder weniger bei 12,17 ct/kWh oder mehr. Bei größeren Anlagen ist es günstiger:

  • 2MW: 10,51 ct/kWh
  • 5MW: 8,42 ct/kWh
  • 10MW: 7,17 ct/kWh
  • 20MW: 6,28 ct/kWh
  • 50MW: 5,33 ct/kWh

Frankreich hatte lange Zeit sehr günstigen Strom für die Endverbraucher, weil sie den Strom subventioniert haben. Atomstrom in Frankreich wird nun teurer. 2022 wurde der verschuldete Stromkonzern EDF verstaatlicht - sonst hätten die Franzosen die Strompreise noch weiter erhöhen müssen.

Siehe auch:

Deutscher Strom ist der teuerste Europas

Das stimmt so nicht (Liste der Länder nach Strompreis):

  • 2023 war Deutschland mit 41ct/kWh auf Platz 5, hinter Italien (56ct/kWh), Großbritannien (46ct/kWh), Irland (43ct/kWh) und Belgien (42ct/kWh).
  • 2024 war Deutschland für Industriekunden auf Platz 5 mit 19,76ct/kWh nach Irland (25,43ct/kWh), Kroatien (21,69ct/kWh), Ungarn (20,55ct/kWh) und Luxemburg (20,41ct/kWh). (Quelle)

Wo es stimmt:

  • 2024 bei Haushalten mittlerer Größe waren wir bei 39,51ct/kWh, gefolgt von Irland (37,36ct/kWh), Dänemark (37,08ct/kWh), Tschechien (33,81ct/kWh), Belgien (33,54ct/kWh) (Quelle)

Wie geht's weiter?

Deutschland hat sich im Juli 2021 (Kabinett Merkel IV, also CDU/CSU und SPD) mit der Novelle des Klimaschutzgesetzes verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu sein. Die EU will mit dem Fit for 55-Paket bis 2050 klimaneutral werden. Wenn wir weltweit als verlässlicher Partner wahrgenommen werden wollen, dann müssen wir das auch schaffen. Es ist außerdem eine riesige Chance für die deutsche Wirtschaft: Wir könnten einen großen Teil der Wertschöpfungskette nach Deutschland holen. Aktuell geben wir jährlich Milliarden für Öl (Heizöl, Benzin, Diesel), Gas und Kohle aus dem Ausland aus. Bis vor kurzem haben wir auch noch Uran importiert. In Zukunft könnten wir die Windräder, Solarzellen, Batterien und Elektroautos in Deutschland herstellen. Zumindest aber sind diese Anlagen einmalige Investitionen, die dann über Jahrzehnte Strom produzieren. In Deutschland. Unabhängig von Regimen wie dem russischen oder dem saudi-arabischen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir:

  • Elektrifizierung vorantreiben: Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge sind effizienter und umweltfreundlicher als fossile Alternativen. Ein schneller Ausbau dieser Technologien ist essenziell. Weniger Verbrennung führt außerdem zu weniger Feinstaub und Stickoxiden. Das ist wichtig für die Luftqualität und die Gesundheit der Menschen.
  • Verbrauch senken: Insbesondere die Gebäude müssen besser isoliert werden.
  • Erneuerbare Energien massiv ausbauen: Vor allem Windkraft benötigt weiteren Schub, insbesondere durch schnellere Genehmigungsverfahren.
  • Speicherlösungen etablieren: Es werden gerade sehr viele Genehmigungsanträge für Großspeicher gestellt. Diese benötigen wir, um die verfügbare Energie des Tages in die Nacht zu bringen. Sie ergänzen also die PV-Anlagen.
  • Wasserstofffähige Gaskraftwerke: Bei länger anhaltenden Dunkelflauten brauchen wir einen Ersatz für Windkraft und Solarstrom. Gaskraftwerke können innerhalb von etwa 30 Minuten hochgefahren werden. Sobald grüner Wasserstoff in ausreichenden Mengen verfügbar ist, können diese Gaskraftwerke auch klimaneutral betrieben werden. Etwa 21 Gigawatt (GW) werden benötigt.
  • Stromnetze modernisieren: Wir brauchen mehr Leitungen, um den Strom von Norddeutschland nach Süddeutschland zu transportieren (Quelle). Es geht voran. Eines der Kernprojekte ist Suedlink.
  • Flexibilität fördern: Wir brauchen regelbare Verbraucher, die z.B. dann laufen, wenn viel Wind weht. Das können Wärmepumpen, Elektroautos oder auch Industrieanlagen sein. So kann man z.B. einen Warmwassertank aufheizen, wenn gerade viel Energie im Netz ist. Das E-Auto muss in der Früh einen gewissen Ladestand haben, aber wann genau es geladen wird, ist egal. §14a EnWG, Modul 3 geht auch in diese Richtung (Video).
  • Power-to-X: Wir können nicht nur Strom speichern, sondern auch Wasserstoff für die Stahlproduktion oder E-Fuels für Flugzeuge und Methanol für Schiffe herstellen. turn2x ist hier interessant.